Der Beckenboden kann viel mehr, als Sie denken
# Folge 1

In unseren Köpfen geht es da um Kirschkerne pflücken, Aufzug fahren und blinzeln. Diese Funktionen macht der Beckenboden nur bedingt und er kann noch viel mehr!
Seit vielen Jahren begleitet mich als Physiotherapeutin das Thema des Beckenbodens. Zum einen litt meine Mutter unter einer Blasenatonie, einer Entlerrungstörungstörung der Blase. Zum anderen war ich nach meinen zweiten Kind Husten- und Niesinkontinent. Ich litt unter einer Belastungsinkontinenz. Ich als Fachfrau machte all die Übungen, die ich in der Ausbildung 1990 gelernt habe. Ich besuchte selbstverständlich einen Rückbildungskurs, doch trotzdem ging beim Husten und Niesen immer mal etwas daneben. Das konnte nicht sein. Es musste doch möglich sein, kontinent zu werden. Mit diesem Schicksal wollte ich mich nicht abgeben. Aus diesen Grund machte ich mich auf die Suche nach alternativen Behandlungsmethoden und Konzepten. Aus meiner Ausbildung kannte ich Angela Heller, die sich schon früh mit diesem Thema beschäftigte. Darüber traf ich auf Renate Tanzberger und ihr Konzept. Die ersten Informationen sprachen mich sofort an, denn die Physiologe und Funktionalität war für mich immer Grundvoraussetzung meiner Behandlungen. Und so kam ich zum Ziel. Ich war wieder kontinent beim husten und niesen und sogar Trampolin kann ich wieder springen.

Der Beckenboden – wo und was ist das?
Der Beckenboden befindet sich am unteren Ende des Rumpfes und spannt sich wie eine netzartige Membran aus Muskeln und Bindegewebe im unteren Becken zwischen Schambein und Steissbein.Diese Muskelschicht wird das „Diaphragma pelvis“ genannt. Diese Schicht setzt sich aus verschiedenen Muskeln zusammen, die alle miteinander in Kontakt stehen. Außerdem steht der Beckenboden auch mit anderen Muskelgruppen in Kontakt. Zu einem mit den Bauchmuskeln, den Rückenmuskeln und zum anderen mit dem Zwerchfell, unser Atemmuskel. All diese Muskeln bilden das sogenannte Bauchkapselsystem. (1)
Die Funktionalität des Beckenboden ist der wichtigste Aspekt im Beckenbodentraining. Er kann weit mehr, als nur „anspannen“, wie Sie es wahrscheinlich kennen.
Dazu ein kleiner Ausflug in die Atemtherapie. Unser Atem ist der Rhythmusgeber für viele Funktionen in unserem Körper. Er ist immer da und kommt von allein. Mit der Einatmung senkt sich das Zwerchfell, die Lunge kann sich mit Luft füllen. Dabei verschafft sich der Bauch Platz, die Organe weichen der Raumforderung. Der Beckenboden gibt dabei nach und senkt sich ab. Wenn sich die Luft wieder auf den Rückweg macht, die Ausatmung erfolgt, geht der Beckenboden wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Die Organe und das Zwerchfell gehen wieder nach innen bzw. oben. So bewegt sich der Beckenboden bei jeder Atembewegung. Das sind ungefähr 20.000 Atemzüge, mit denen wir unseren Beckenboden trainieren. Die beste Wirkung erzielen Sie, wenn Sie dabei aufrecht sitzen, denn ein gebeugter Oberkörper, lässt kaum Bewegung im Brustkorb zu.

Darüber hinaus öffnet und schließt sich und er hält die Organe an Ort und Stelle. Und hat einen trampolinartige Reaktion auf schnelle Druckerhöhungen, wie zum Beispiel das Husten und Niesen, das Rennen und Lachen. In kürzester Zeit kann er sich den Forderungen stellen.
Er kann diese vielfältigen und funktionell anspruchsvollen Leistungen abrufen, damit wir in allen Situationen des Lebens kontinent, also keinen Urin oder Stuhl verlieren, bleiben.
Also weit aus mehr, als nur „kräftig anspannen“.
Meist nehmen wir unseren Beckenboden erst wahr, wenn er nicht mehr richtig funktioniert. Das heißt, wenn wir beim Husten und Niesen Urin verlieren oder wenn wir sehr oft zur Toilette gehen müssen. Erst, wenn wir eine Harninkontinenz haben, merken wir, dass etwas mit unserem Beckenboden nicht stimmt.
Der Beckenboden ist ein Reaktionsmuskel, welcher sich den Umständen unseres Lebens anpasst und das  – im besten Fall – ganz ohne unser Zutun. Bei einer Schwäche ist der Beckenboden meist nicht mehr reaktiv, das heißt: er gibt auf eine Forderung, wie zum Beispiel das Niesen, keine richtige bzw. kontinente Antwort, nämlich das reaktive Verschliessen der Harnröhre. Es entsteht eine Harninkontinenz.
Ca. 25 % der Frauen haben eine Form der Harninkontinenz, wenn mann alle Altersgruppen betrachtet.
Unter einer Harninkontinenz versteht man JEDEN unwillkürlichen Harnabgang. Diese Krankheit ist ein sehr häufiges Phänomen, es ist eine Volkskrankheit, denn es betrifft jedes Alter. Im Alter steigert es sich auf bis zu 40 Prozent. Die Frauen sind mit ca. 25 % mehr betroffen als die Männer. Bei Männern sind diese Probleme nicht so groß. Sie leiden aber auch unter einer Form der Harninkontinenz.